Gast-Artikel von Konna: Ich glaube

Guten Mittag. Heute gibt es hier ausnahmsweise mal keine Worte meiner Person zu lesen. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass es hier nichts zu sehen gibt. Warum? Der Konna von der Gedankendeponie hat sich die Ehre gegeben und einen Gast-Artikel für mich verfasst. Vor einiger Zeit habe ich diesen “gewonnen” und so freue ich mich euch nun den ersten Gast-Artikel in der Geschichte dieses Blogs zu präsentieren. Eine waschechte Premiere also. Konna hat sich mit dem Thema Glauben auseinandergesetzt. Ein sehr spannendes und durchaus diskussionswürdiges Thema hat er sich damit ausgesucht. Und das ist auch gut so. Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen der fremden Worte, die für so manchen sicherlich gar nicht mal so fremd sind… aber ich komme ins Schwafeln und das soll nicht sein.
Ich glaube. Zwei einfache Wörter, aber eine unglaublich komplexe Aussage. So vielseitig interpretierbar und doch so vielsagend.
Glauben kann man an Vieles, an die eigenen Fähigkeiten, an das gute im Menschen, an den Fortschritt oder an Gott. Oder an alles gleichzeitig. Der Glaube ist etwas, das den Menschen vom Tier unterscheidet und Glaube ist etwas, das uns gleichzeitig voneinander unterscheidet und uns zusammenbringt. Jeder hat seinen eigenen Glauben, aber zu gewissen Teilen überschneidet sich dieser Glaube auch.
Dazu muss man sich allein die Religionen anschauen. Bei allen Unterschieden finden wir auch immer wieder Gemeinsamkeiten. Dass Religion immer mehr in Verruf geraten ist, liegt an denjenigen, die nicht wissen, was Religion in Wirklichkeit ist. Philologisch betachtet stammt das Wort Religion vom lateinischen religio ab, das schon früher für religiöse Handlungen, Gottesfurcht und Frömmigkeit benutzt wurde. Schaut man aber ins Wörterbuch, so findet man doch eine ganze Reihe anderer Bedeutungen, die aus der Religion, wie wir den Begriff vorwiegend verwenden, nicht wegzudenken sind: Rücksicht, Skrupel und Gewissenhaftigkeit, um nur einige Beispiele zu nennen.
Religionsgegner argumentieren damit, dass Religion für zahlreiche Kriege und Gräueltaten verantwortlich ist, also müsste sie am besten abgeschafft werden. Für noch mehr dieser Dinge ist aber zum Beispiel Geld verantwortlich. Sollen wir das auch abschaffen? Es ist eine Frage der persönlichen Einstellung, wie wir die Religion benutzen. Denn sie hat auch zweifelsohne zahlreiche gute Dinge zu bieten.
Die anderen Argumente gegen Religion begründen sich meist auf wissenschaftlichen Fortschritt. Die Bibel ist ein Märchen, aber bestimmt keine Geschichte, heißt es. Oder dass die Existenz von Gott oder einer höheren Macht nicht bewiesen werden kann. Aber warum müssen sich Religion und Wissenschaft ausschließen? Warum muss man die Existenz Gottes beweisen müssen, um zu glauben?
Glauben heißt nicht wissen, sagt eine Redensart, die zwar nicht in erster Linie auf den Religionsaspekt gemünzt ist, die aber dennoch passt. Ich muss nicht wissen, um glauben zu können. Schon immer war “Glaube versetzt Berge” einer meiner Leitsprüche im Leben und auch wenn ich nicht der religiöseste Mensch bin (und nicht in die Kirche gehe), so glaube ich dennoch, dass “da oben” jemand ist, der über mich wacht. Ganz einfach, weil es mir Trost spendet und Hoffnung gibt, dass alles gut wird. Es ist MEIN Glaube und dabei ist es ganz egal, ob er gerechtfertigt ist oder nicht. Allein dadurch, dass er mir etwas gibt, ist er es doch schon. Darum sage ich es völlig ohne Scham und aus voller Überzeugung gern noch einmal:
Ich glaube.

Hier schreibt Lordy, Jahrgang 1986, männlich, Single, Student der Geschichtswissenschaft und kath. Theologie an der Ruhr-Universität Bochum, wohnhaft in Dorsten (nördliches Ruhrgebiet), Gothic, abenteuerlustig, dauernd unterwegs, Serien-Junkie, Wii-Freak, Wrestling-Fan, Twitter-süchtig und BVB-Anhänger. 




schrieb am 28. November 2009 um 13:32
[...] bin endlich dazu gekommen, einen weiteren der versprochenen Gastbeiträge fertigzustellen. Diesmal bei Lordy. Passend zu seinem Theologie-Studium und zur morgen mit dem 1. Advent einsetzenden Weihnachtszeit [...]
schrieb am 28. November 2009 um 13:53
Ein sehr schöner Beitrag – wirklich!
Ich gehöre ja keiner Religion an – oder nicht mehr – ursprünglich gehörte meine Seele ja mal der evangelischen Kirche.Meine Mutter ist dann aber mit mir dort ausgestiegen ;)
Ich gehe zwar in Kirchen, aber nicht um zu beten, sondern nur um sie zu betrachten – denn es gibt wirklich einzigartige davon in Europa …. und weit darüber hinaus.
Ich behaupte immer, das ich nicht glauben kann. Warum sollte ich auch? Einen Gott gibt es nicht. Aber, und das ist der springende Punkt – warum gebe ich ihm dann die Schuld, das er mir liebe Menschen weggenommen hat? Warum bitte ich ihn in schweren Situationen oder bei Angstanfällen um Hilfe? Wenn auch ungewollt – ich tue es. Also glaube ich doch?
Was nach dem Tod ist, weiss eigentlich niemand. Ich bin aber der festen Überzeugung, das es irgendwas geben wird, was danach kommt.
Ich habe keinen Bezug zur Bibel, obwohl ich als Kind daraus vorgelesen habe, ich habe als Kind die Hände falten müssen, weil die Oma es so wollte. Heute tue ich das nicht mehr. Ich halte Glaubenskriege und den allgemeinen Kampf unter der Menschheit um den Gott für blödsinnig. Der eine will, das der da oben einen Turban trägt, der andere will ihn als Schwarzen sehn. Aber dennoch sagen alle, es gibt nur den einen …
Nunja, wie auch immer. In vielen Situationen widerspreche ich mir mit dem Nichtglaube überwiegend selbst. Und genau das bringt mich zu der Überzeugung, das ich ebenso glaube.
Ich hoffe, ich habe einigermaßen sinnvoll argumentiert – und nicht das Thema verfehlt *g
schrieb am 28. November 2009 um 14:29
mir fällt es grad schwer, meine reaktion in worte zu packen.
ich würd sagen, du sprichst mir ziemlich aus der seele und ich hab noch was gelernt (die bedeutung des wortes “religion” war mir bisher nicht klar).
ich denke auch, dass man nicht in die kirche gehen muss, um glauben zu können. das thema mit der religiosität auch innerhalb unserer gemeinde und gerade des vorstandes war heute früh noch thema am frühstückstisch.
schrieb am 28. November 2009 um 14:35
Ja, ein durchaus diskussionswürdiges Thema :)
Konna, du bringst Glaube und Religion zusammen, was man meiner Meinung nach nicht tun so einfach tun sollte. In organisierter Form ist Glaube das Problem, nicht das Glauben an sich. Erst wenn der Glaube sich radikalisiert und in einer Religion große Verbreitung findet, können Kriege und andere Gräueltaten stattfinden.
Überall auf der Welt und schon immer wurde geglaubt, dass es höhere Mächte gibt, ob nun Regengötter oder einen Mann mit Bart, der Millionen von Menschen willkürlich tötet. Es tut einfach gut, mit jemandem zu reden, der nicht da ist, um z.B. seine Gedanken zu ordnen.
Dass Gläubige bessere Menschen sind, wäre wieder ein großes Thema und ich finde dass erstens Moral nichts mit Religion zu tun hat (habe darüber mal geschrieben) und zweitens z.B. der aktuelle Fall mit der irischen Kirche zeigt, dass es da überhaupt keine Korrelation gibt.
Ich glaube, nein, ich bin überzeugt davon, dass es kein Leben nach dem Tod gibt und das beruhigt mich. Ich muss mir darüber keine Gedanken machen und kann ruhigen Gewissens meine Organe spenden. Interessanterweise haben besonders reliöse Menschen besonders viel Angst vor dem Tod. Zufall?!
schrieb am 28. November 2009 um 15:06
@noneworld: Ich denke im Prinzip geht es dir wie mir. Ich bin zwar nicht aus der Kirche ausgetreten, aber ich würde mich nicht als wirklich aktives Mitglied bezeichnen. Ich lebe meinen Glauben selbst aus und du anscheinend auch – so lese ich deinen Kommentar zumindest. Und in dem Punkt sind wir uns dann sehr ähnlich.
@Jana: Danke für die lieben Worte und schön, Zustimmung zu erhalten bei der eigenen Ansicht. Ich denke einfach, dass für die einen der Glaube etwas ganz persönliches ist und die anderen wollen ihn eben teilen. Beides ist okay.
@juliaL49: Naja, ich denke, ohne Glauben kann es keine Religion geben, wobei es sicherlich ohne Religion Glaube geben kann, was ich im zweiten Absatz ausdrücken wollte. Dass danach ein bisschen das Vokabular nicht strikt genug getrennt ist – okay, vielleicht hätte ich dort statt “Glauben” irgendetwas schreiben sollen, was dieses Glauben konkretisiert. Vielleicht “Religiösität”?
Jedenfalls wollte ich dann eben mehr auf den Religionsaspekt eingehen und ich glaube nach wie vor, dass Religion ohne Glauben nicht geht. Ob ich nun für mich glaube oder in einer Gemeinschaft glaube, spielt dabei doch grundsätzlich keine Rolle. Und nur weil die Christen oder die Muslime oder Angehörige welcher Religion auch immer organisiert sind, macht es sie dennoch nicht schlecht, nur weil ein paar Spinner ihren Glauben bzw. ihre Religion über die anderer stellen.
Ist ein bisschen so wie der feine Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus. Ist es schlecht, stolz auf sein Vaterland zu sein, nur weil es Spinner gibt, die darunter verstehen, Angehörige anderer Nationen niederzumachen?
Ich behaupte nicht, dass Gläubige bessere Menschen sind, auf keinen Fall, darum geht es auch nicht. Aber wenn ich mich frage, ob die Welt ohne Religion und Glaube eine bessere wäre, würde ich das verneinen. Man kann da natürlich nach Irland oder nach Israel/Palästina zeigen und das zu entkräften ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Aber keine Religion verlangt, Angehörige anderer Religionen zu hassen, töten oder zu verfolgen. In Irland kenne ich mich zu wenig aus, aber im Nahost-Konflikt wird die Religion doch auch nur instrumentalisiert dazu.
Du bist überzeugt, dass es kein Leben nach dem Tod gibt und es beruhigt dich – das ist gut. Mich würde beunruhigen. Daraum glaube – ja, glaube – ich etwas anderes. Und das ist doch das Schöne am Glauben: Man kann sich selbst aussuchen, was man glauben möchte.
Und interessant ist es doch auch, dass auch viele Unreligiöse Menschen kurz vor ihrem Tod doch noch den Weg zum Glauben finden, oder? Zufall? ;)
schrieb am 28. November 2009 um 15:10
Konna, mit Irland meinte ich nicht den Nordirland-Konflikt, sondern dass Kirchenangehörige jahrelang Kinder missbraucht haben und das auf hohem Niveau vertuscht wurde.
schrieb am 28. November 2009 um 20:22
Nun ja, ein feiner Beitrag, doch das Thema ist gut diskussionswürdig.
Was passiert merken wir wenn wir die Äuglein für immer schliessen werden. Ich gehe persönlich davon aus das dort nichts mehr kommen wird. Wie ein Traum von Schwärze. Leere, nicht. Aus.
Ich sehe es eher mit der Physik, das wir wieder zu Energie und unseren Elementen verfallen werden und hierdurch ewig sein könnten.
Es gibt keinen Gott. Aber die Diskussion ist müssig zu führen. Wer Religionen braucht, bitte sehr. Ich brauche keine.
Kulturell hatte die Religion einen großen Einfluss, nicht nur hier sondern in vielen Kulturen.
Aber das war es für mich schon an der Bedeutung.
@Konna: Mutterlandsliebe ist genauso sinnentleert wie die Religion. Warum auf ein Fiktives Gebilde stolz sein ?
Heimatliebe im Sinne einer Kultur ist schon in Ordnung, wissen wo seine Wurzeln sind, aber das ist doch eher der Freundeskreis und die Familie.
Stolz auf was will man hier sein ? Das man hier und nicht in Afrika geboren wurde, daher das Privileg hat sich über Religionen sorgen zu machen anstelle das man heute noch was sauberes zu trinken bekommt ?
schrieb am 29. November 2009 um 10:49
Wo du “glauben heißt nicht wissen” ansprichst, Konna, möchte ich das mal, allgemein gesprochen, ergänzen zu: glauben heißt, nicht wissen zu wollen, sich mit dem Glauben zufrieden zu geben und sich nicht um mehr Wissen zu bemühen.
Natürlich gibt’s da Unterschiede je nachdem, um welches Thema es geht: Die Frage nach etwas Göttlichem ist mit objektiven Wissensbestrebungen “nicht so leicht” zu fassen, wohingegen man etwa esoterische Konzepte wie Astrologie oder Homöopathie als wissenschaftlich widerlegt betrachten kann.
Den Glauben als beruhigend hinsichtlich des “unentdeckten Landes, von des’ Bezirk kein Wandrer wiederkehrt,” dürfte auch davon abhängen, wie sehr, wie buchstabengetreu – oder eben wie wenig – der Gläubige dem glaubt und folgt, was die Kirchenführer und Katechismusverfasser verkünden, wie sehr sie dann etwa Angst vor höllischen Strafen für “kleine Sünden” haben. Ich denke, von solchen Leuten gibt’s gerade in Europa immer weniger.
schrieb am 29. November 2009 um 12:26
Glaube und Religion gehören nicht zwingend zusammen. Das wird im Artikel nicht sehr deutlich. Man kann ein gläubiger Mensch sein, dabei aber nicht religiös. Und man kann religiös sein, ohne wirklich zu glauben. Religion hängt stets mit vordiktierten Riten und Dogmen zusammen, die meist auf eine Einschränkung der persönlichen Entfaltung hinauslaufen: “Du darfst dies, du darfst nicht das”.
Sicherlich, im Grunde ist das nichts, was man bei der elterlichen Erziehung nicht auch vorfindet, mit dem Unterschied, dass religiös bestimmte Richtlinien zum größten Teil keinen Sinn ergeben und auch keinen gesellschaftlichen Wert haben. Dass ich meinen nächsten lieben soll, das bringen mir die Eltern bei, aber dass man beispielsweise kein Schweinefleisch essen darf, tage- und wochenlang fasten soll, etc. ist irrsinnig. Und nein, es ist eben nicht jedem frei überlassen, sich an diese Richtlinien zu halten, denn man bekommt gar nicht erst die Chance dazu, wenn man in einer religiösen Gesellschaft oder Familie hineingeboren wird. Gehirnwäsche von Geburt an. Das ist Religion.
Glaube dagegen ist etwas persönliches. Das, was man selbst auf eigene Erfahrungen, Gedankengänge und Gefühle beruhend für sich selbst verinnerlicht hat. Dass dies mit religiösen Aspekten Hand in Hand gehen kann, ist natürlich möglich, aber eben nicht zwingend.
Der Glaube ist das Innere, die Religion das Äußere: Man kann äußerlich der religiöseste Mensch sein, aber trotzdem kleine Jungs vergewaltigen. Und man kann die Religion verachten, verspotten und den blasphemischsten Lebensstil an den Tag legen, und trotzdem wildfremden Menschen helfen. Einfach weil man glaubt(!) dass es richtig sei.
Und genau das ist der Unterschied! Ein verdammt wichtiger.
schrieb am 29. November 2009 um 13:03
Glaube ist schon ein schwieriges Thema. Ich habe da selbst meinen Platz noch nicht so 100%ig gefunden. Ich glaube zwar nicht wie ein religiöser Mensch an Gott, bin aber auch kein wirklicher Atheist. Agnostiker trifft es schon am besten, denke ich. Ich glaube nicht an einen personifizierten Gott, der über uns entscheidet sondern eher daran, dass da etwas ist, was wir Menschen nicht ohne weiteres ergründen können. Es gibt viele Dinge, die über das einfache logische Verständnis der Menschen hinaus geht und jeder geht anders damit um. Einige versuchen zu ergründen, wie alles funktioniert, andere sehen darin ihren Gott bestätigt. Ich fühle mich eigentlich ersteren zugehörig, habe angesichts der schlicht überwältigend großen schwarzen Flecken auf der Weltkarte der Wissenschaft doch einen gewissen Glauben.
Ich glaube z.B., dass das Bewusstsein eines einzelnen Menschen mehr ist, als einfach nur das Zusammenspiel von chemischen Reaktionen und bin mir deswegen auch nicht so sicher, dass nach dem Tod alles vorbei ist oder nicht. Aber ich kann diese Dinge weder beweisen noch kann man sie widerlegen.
Was Religion und die Konstitution Kirche angeht: Ich selbst wurde nicht religiös erzogen, bin nur zu den Pflichtgottesdiensten des Konfirmationsunterrichtes in der Kirche gewesen und habe auch sonst selbst keinen großen Bezug zur Institution Kirche. Meine Freundin dagegen wurde als Tochter einer Theologin natürlich weit mehr mit Kirche und Religion in Kontakt gebracht und hat viel Zeit ihrer Kindheit und Jugend in kirchlichen Gruppen verbracht. Allerdings wird in ihrer Familie auch nicht gebetet, jeden Sonntag in die Kirche gegangen oder so. Der Gang zur Kirche zu feierlichen Anlässen gehört dort aber dazu, vor allem aber, um Freunde zu treffen und ein wenig vom Alltag abzuschalten. Und in der Hinsicht denke ich, dass die Kirche, auch wenn sie früher viel Dreck am Stecken hatte und auch heute noch Skandale auftreten, eine Institution ist, die für viele Menschen gut ist. Ich selbst brauche sie nicht, gehe aber dennoch ohne Gewissenskonflikte bei der Familie meiner Freundin mit wenn Weihnachten, Ostern oder so ist. Ich bete allerdings nicht mit und lasse auch das Abendmahl aus, weil ich einfach nicht in der Art an einen Gott glaube.
Problematisch wird es, wenn eine Religion zu fanatische oder gar extremistische Züge annimmt. Dann nämlich werden Menschen diskriminiert oder umgebracht. Wenn ein fanatischer Moslem behauptet, dass die Erde eine Scheibe sei, weil das so im Koran steht und dadurch stimmen muss, egal was die Wissenschaft sagt, oder wenn sich Kreationisten ein Museum aufbauen, in dem sie wissenschaftlich erklären wollen, dass wir Menschen wirklich von Adam und Eva abstammen und der Grand Canyon der Beweis für die Sintflut ist, dann schüttele ich nur mit dem Kopf. Solche Menschen halte ich für gefährlich und man darf nicht zulassen, dass sich solche “Lehren” durchsetzen, denn sie verhindern das freie Denken, die Individualität des Menschen und machen uns zu Marionetten, für die Toleranz ein Fremdwort ist.
Im gemäßigten Rahmen ist Religion dagegen für viele Menschen etwas gutes. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand fest an Gott, ein Leben nach dem Tod oder auch das Schicksal glaubt, wenn es ihm damit gut geht und er sich und andere dadurch nicht schlecht behandelt und vor allem anderen Ansichten gegenüber tolerant ist.
Als letztes will ich noch kurz was zur Bibel sagen. Für viele Gläubige ist sie ja das Maß aller Dinge und viele nehmen sie für bare Münze bzw. leben danach. Das halte ich für falsch. Die Bibel selbst ist auch nicht mehr als eine Zusammenstellung uralter Erzählungen, die teils durch Mund-zu-Mund-Weitergabe immer fantastischer wurden, teils aber auch Geschehenisse darstellen, die heutzutage einfach zu erklären sind, damals aber aufgrund des noch absolut fehlenden Wissens für Wunder oder Zeichen Gottes verstanden und niedergeschrieben wurden. Ich glaube z.B. nicht an Jesus als Sohn Gottes. Es mag damals einen Menschen gegeben haben, der durch seine Ausstrahlung und vielleicht auch einige Gaben wie medizinischem Wissen etc. viele Menschen beeindrucken und mit sich ziehen konnte und damit ein Dorn im Auge Roms war. Aber ich glaube nicht an all die Wunder, an seine Wiedergeburt, daran dass Maria eine Jungfrau war etc. Ich bin mir sicher, dass alle in der Bibel dargestellten Geschehenisse Fiktion sind, übertrieben wiedergegeben wurden oder sich heutzutage durch einfache Wissenschaft erklären lassen. Das ist auch ein wichtiger Grund für mich, dass ich so etwas wie das “Vater unser” oder so nicht mitspreche, wenn ich mal in der Kirche sein sollte.
So, ich glaube das war mein bisher längster Kommentar zu einem Blogbeitrag überhaupt. :D
schrieb am 29. November 2009 um 13:07
@Paramantus: In einem Punkt muss ich dir widersprechen: es kommt immer darauf an, wie tolerant und “modern” die jeweilige religiöse Gemeinschaft ist, in der man sich befindet! Sicher gibt es viele, die einem diese Dogmen und Riten verpflichtend aufdrücken, aber es gibt dagegen auch sehr viele, in denen man da viel freier ist und dies eben alles völlig freiwillig tun oder lassen kann und nicht verurteilt wird. Man darf Religion bzw. die Kirchengemeinden nicht alle über einen Kamm scheren!
schrieb am 29. November 2009 um 13:21
@bestFreeQ: Wenn ich tun und lassen kann, was ich will, wozhu dann überhaupt Mitglied einer Religionsgemeinschaft sein? Das ist doch genau der Punkt: Hat man selbst zu seinem Glauben gefunden, ist Religion überflüssig. Ich will kein Teil einer Gemeinschaft sein, deren gemeinsamer Nenner die Religiösität oder ironischerweise die Teilnahme an der Gemeinschaft selbst ist.
Eine auf den Glauben beruhende “Gemeinschaft” jedoch besteht aus Freunden, weil sie eben dem eigenen Glauben ähnlich sind – im Bezug auf die inneren Werte, Moralvorstellungen, Weltansichten, etc.. All das kann, muss ich aber nicht mit den Menschen aus der Religionsgemeinschaft teilen.
Und nein, natürlich darf man nicht alle Religionsgemeinschaften über einen Kamm scheren. Meine Absicht war nur jene, zu zeigen, dass Religiösität zu einer Einschränkung der Entfaltung führen kann, weil man Richtlininen vordiktiert bekommt. Sicher, in toleranten Gemeinschaften kann man frei entscheiden, aber vordiktiert werden die Richtlinien trotzdem. Und das ist eben der Unterschied zum Glauben, der sich selbst über Jahre hinweg bildet. Da spielen dann bestimmt auch besagte Richtlinien eine Rolle, aber eben nicht nur. Der Glaube ist frei, er wächst und entwickelt sich. Religiösität dagegen ist vordefiniert. Egal wie toletant manche Religionsgemeinschaften auch sein mögen.
schrieb am 29. November 2009 um 15:53
@Paramantus: Die meisten, die sich in einer Kirchengemeinde engagieren, tun das ja nicht, um dort mit Regeln konfrontiert und gezwungen zu werden, sie einzuhalten, sondern um sich mit anderen mehr oder weniger Gläubigen zu treffen. Der soziale Aspekt ist heutzutage doch längst das wichtigste an einer Kirchengemeinde. Man unternimmt zusammen mit anderen etwas, die an das selbe glauben, wie man selbst. Dazu kommen noch die Kirchen als Ort der Besinnung. Sicher kann man das auch alles machen, ohne eine Kirche zu benötigen, aber was spricht dagegen? Man kann ja auch ohne Verein z.B. angeln, tanzen oder sonst was tun, aber vielen bringt’s doch gerade erst im Club unter Gleichgesinnten am meisten Spaß.
schrieb am 29. November 2009 um 20:15
Oh man, mit dem Beitrag habe ich ja echt riesige Reaktionen ausgelöst, was schreibt ihr bitte alle für Monsterkommentare? :D
@juliaL49: Ok, das habe ich nicht mitbekommen. Aber das ist krank und die Religion hat es sicherlich nicht gefördert.
@Sebastian: Naja, aber wer sein Vaterland liebt (wobei ich “Liebe” zu übertrieben finde), der engagiert sich auch mehr dafür und macht das Leben in jenem vielleicht für alle etwas schöner.
Genauso könnte man Fragen: Warum bin ich Fan eines bestimmten Fußballvereins, wenn ich nicht selbst dort mitspiele? Oder warum feuere ich die deutsche Nationalelf an?
@cimddwc: “Nicht wissen wollen” finde ich jetzt ein bisschen polemisch. Sicher gibt es gewisse Bereiche und gewisse Gruppen, die den Fortschritt und das Wissen ignorieren, aber warum reicht der Glaube nicht manchmal aus? Wenn ich etwas nicht weiß, dann kann ich immerhin hoffen, dass etwas so verläuft, wie ich es mir wünsche. Daraus lässt sich doch wenigstens etwas Kraft schöpfen, wenn mir hingegen die Wissenschaft sagt, dass es keine Chance darauf gibt, kann ich auch gleich hinschmeißen.
Damit will ich natürlich nicht sagen, dass so esoterischer Kram in meinen Augen irgendeinen Wert für mich hat, meist halte ich das sowieso nur für reine Abzocke und da wird die GutGLÄUBIGKEIT der Menschen eben ausgenutzt.
@Paramantus: Ist Religiösität tatsächlich ohne zu glauben möglich? Das würde ich anzweifeln wollen. Wäre das nicht falsche oder gespielte Religiösität?
Du sprichst erneut das Vergewaltigen von Kindern an. Jemand, der soetwas tut, kann in meinen Augen nicht wirklich religiös sein, denn es widerspricht doch dem, was Religion “lehrt” – mal ganz allgemein gesprochen.
Dann sprichst du davon, dass man in eine religiöse Gemeinschaft hineingeboren wird. Das ist sicherlich zum Teil richtig, aber man hat doch im Laufe seines Lebens die Möglichkeit, sich eben von der Religion abzuwenden. Wie im Artikel geschildert, ist Religion aus meiner Sicht nicht dazu da, die einen oder die anderen Menschen auszuschließen. Ich finde, der Religionsbegriff wird generell hier in den Kommentaren viel zu eng gefasst.
Und klar, die Eltern spielen bei der Erziehung eine wichtige Rolle, kein Zweifel. Auch der Staat trägt seinen Teil dazu bei, in der Schule wird das ja auch gelehrt. Aber in welchem Schulfach? Genau, Religion.
Die Rolle der Religion ist vielleicht geringer geworden, wenn man sie mit der von vor 100, 200, 300 oder noch mehr Jahren vergleicht, aber irgendwoher kommt die moralische und ethische Erziehung ja, die uns die Eltern beibringen.
@beetFreeQ: Im Prinzip kann ich deinen wirklich ausführlichen Kommentar voll und ganz unterschreiben. In fast allen Dingen geht es mir ähnlich wie dir.
Ich bin nicht sonderlich religiös, vielleicht auch teils Agnostiker, aber eher mit dem Hang zum Glauben an Gott (da schlägt mein Pendel eben in die andere Richtung aus als bei dir). Und an Gott zu glauben, ist für mich ein Teil an Religiösität, das kann man nicht allein unter Glaube abheften.
Dass Fanatismus und Verleugnung von Tatsachen beides nicht das sind, was einer Religion anheim sein sollte, darüber sind wir uns denke ich alle einig. Ich persönlich – und um meine Ansicht geht es ja in diesem Artikel – bin der Meinung, dass Religion und Toleranz untrennbar miteinander verbunden sind oder es zumindest sein sollten. Diese Aussage war eigentlich eine meiner Hauptintentionen dieses Beitrags.
Meine “persönliche Religion”, ich nenne sie mal “evangelisch christlicher Agnostiker”, so blöd und paradox das auch klingt, ist etwas, dass mir persönlich gut tut und nützt. Und das möchte ich mir wahren. Und ob man das nun Religion, Glaube, Hoffnung, Ethik, Moral oder alles zusammen nennt, spielt keine Rolle. Wahrscheinlich ist ein Stück von allem mit dabei.
schrieb am 29. November 2009 um 20:41
@Konna: Die Untrennbarkeit von Religion und Toleranz würde ich aber mal so interpretieren, dass Religion immer mit Toleranz verbinden sein sollte, aber Toleranz nicht zwangsweise mit Religion zu tun haben muss, oder? Denn Toleranz ist definitiv auch ohne Religion wichtig und möglich. Sie hat es nur leider oft sowohl bei Gläubigen als auch Atheisten sehr schwer…
schrieb am 29. November 2009 um 21:20
@Konna: Mag sein, dass v.a. die Kurzfassung etwas polemisch ist. Andererseits beschreibst du genau das im Folgenden: Dass du aus dem Glauben Kraft schöpfen willst, auch wenn das Wissen etwas anderes sagt (oder sagen würde, wenn du es wüsstest)…
Ich hätte ja auch gerne geglaubt, dass der VfB heute in Leverkusen nach dem 0:2 noch das Spiel hätte drehen können, aber alles, was man gesehen hat und wissen konnte, sprach eher für die (fast schon niedrige) 0:4-Niederlage.
Spaß beiseite: Wenn ich etwas (in einer bestimmten problematischen Situation) nicht weiß, dann versuche ich, so viel wie möglich darüber herauszufinden und so viel wie möglich selbst zu tun, anstatt mich auf den Glauben zu verlassen, dass doch noch ein Wunder geschehen möge. Denn wer kann in den meisten Fällen schon sagen, ob er wirklich schon genug über die Situation weiß, um sicher sein zu können, dass absolut nichts mehr getan werden kann, und hinzuschmeißen?
“Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott”, sagt nicht umsonst das Sprichwort – und wenn man sich selber geholfen hat, kann Gott auch weiter Däumchen drehen. :)
schrieb am 30. November 2009 um 00:53
@Konna: Da sehe ich das Problem in der Vaterlandsliebe. Was ist so besonders an willkürlichen Grenzen ? Man kann seine Gemeinde lieben wegen den Menschen seine Familie, das geht. Doch das Leben sollte man nicht nur in seinem Vater- und Mutterland schöner machen sondern für alle Menschen und Lebewesen.
@cimddwc: Sehr gut das Sprichwort erklärt.
schrieb am 4. Dezember 2009 um 23:13
Sehr guter Absatz! Ständig lese ih in irgendwelchen Foren, egal wo, die Aussage aus dem ersten Satz. Dabei denken aber die meisten “Schmalspurdenker” ihre Gedanken gar nicht zu ende um zu begreifen, was sie für Aussagen machen.
schrieb am 6. Dezember 2009 um 01:18
Schöner Artikel, obwohl mein Papa immer gesagt hat: “Diskutiere nicht über Religion, denn Glaube macht blind.” Es ist aber erstaunlich wie oft der Glaube mit Religion oder auch Kirche in Verbindung gebracht wird, wobei das doch jeweils verschiedene Dinge sind. Wie man an der “Hitzigkeit” dieser Diskussion merkt, ein strittiges Thema.
Unstrittig ist meiner Meinung nach aber die Tatsache, das Religion dem Menschen überhaupt erst Moralvorstellung und Ethik beibringen. Und in der Regel machen die ihre Sache sehr gut, bis man selbst erkennen sollte, da es da noch mehr gibt als eine Sichtweise. Dann kommt die Toleranz von ganz alleine.
schrieb am 6. Dezember 2009 um 09:27
@Robert: Gerade das was du als unstrittig bezeichnest, ist es nicht: Moral und Ethik sind unabhänig von Religion, auch wenn gerne das Gegenteil behauptet wird. Wie ich oben schon schrieb, habe ich das mal näher betrachtet und es gab auch dieses Jahr wieder einige Studien, die die These unterstützen, dass Moral sowas wie Instinkt ist.
schrieb am 7. Dezember 2009 um 18:32
Ich stimme dir nicht zu Julia. Wenn man seine Moral von einem Instinkt leiten lassen würde, wären wir vielleicht eine noch ärmere Gesellschaft. Moral und Ethik prägen sich meiner Meinung nach in frühester Jugend. Da vermitteln die Eltern den Kinder ihre Werte. Erst später entwickelt man (hoffentlich) eigene Vorstellungen davon. “Instinkt” in diesem Zusammenhang lasse ich nur auf die Assoziation mit dem in der Kindheit geprägten zu. Was aus dem Bewusstsein verdrängt wird, kann dann vielleicht Instinkt werden.
schrieb am 7. Dezember 2009 um 18:46
@Robert: Du brauchst/kannst mir nicht zustimmen, da das eine wissenschaftliche Theorie ist. Und die besagt, dass Moral ein Instinkt ist, d.h. nicht davon geleitet wird. Wenn du ein paar Minuten Zeit hast, dann lies dir dieses vierseitige PDF durch, in der die angesprochenen Studien beschrieben werden. Ein wichtiger Absatz:
Das widerspricht deiner Behauptung, dass Kinder von ihren Eltern Moral “lernen”.
schrieb am 31. Dezember 2009 um 11:08
[...] loswerden – auch die zwei Gast-Artikel, die es hier zu lesen gibt. Zum einen hatte Konna sich zum Thema Glauben und Religion geäußert, zum anderen hatte sich Jana am Thema Weihnachten auf Plattdeutsch versucht. Und [...]