Was wurde aus ihnen? Wo gingen sie hin?

Was wurde aus ihnen? Wo gingen sie hin?

Ich weiß, dass ich hier noch nicht sehr häufig über die schwere Zeit geschrieben habe, die ich 2006 und 2007 zu überstehen hatte. Und das ist vielleicht auch nicht einmal so verkehrt. Doch heute ist mir irgendwie ganz plötzlich ein Gedanke in den Kopf geschossen, den ich hier einfach niederschreiben muss.

Meine Aufenthalte im Krankenhaus haben damals meine Sicht auf viele Dinge verändert. Vieles schien auf einmal so unwichtig, so unbedeutend, so lächerlich. Aber darum soll es gar nicht gehen.

Nein, es soll um die wahnsinnig tollen Menschen gehen, die ich damals kennenlernte – in den schrecklichen Monaten. Es war mein großes Glück dieser Zeit. Und dabei hatten wir alle nur eine Sache so wirklich gemeinsam, die uns zusammen an jenen Ort brachte: Wir waren alle schwer krank. Der große Unterschied zwischen mir und den anderen: Meine Zukunft sollte sich nicht nur auf wenige Tage, Wochen und Monate beschränken, nachdem ich das Krankenhaus verlassen hatte.

Heute waren sie auf einmal wieder gegenwärtig – diese Gedanken, diese Fragen: Was wurde aus ihnen? Wo gingen sie hin? Sind sie nun an einem besseren Ort?

Von einer Dame weiß ich, dass sie den Lungenkrebs, der sie zu zerstören drohte, durch großen Kampf besiegt hat. Sie wohnt hier in Dorsten – sie lebt.

Einem Mann hingegen wurden vier Wochen gegeben. Die Diagnose wurde vor meinen Augen erteilt. “Gehen sie nach Hause und sorgen sie dafür, dass sie alles geklärt bekommen, damit ihre Frau hinterher abgesichert ist. Wir werden alles tun um die Schmerzen für sie so erträglich wie möglich zu halten, damit sie die letzten Wochen noch leben können.” Das waren – sinnbildlich – die Worte, die ich mithören durfte. Es ist also kein Wunder, dass so manche Sache, so mancher Streit, so mancher erahnter “Worst Case” plötzlich lächerlich und unwichtig wirkte.

Eine 36-Jährige Dame hatte ebenfalls den Tod vor Augen. Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Ihr Erbe für die Welt: Ein damals 16-Jähriger Junge, der schon keinen Vater hatte und nun wahrscheinlich auch ohne Mutter leben muss. Ich habe sie noch zweimal während ihrer Chemotherapie besucht, nachdem ich wieder gesund war. Dann antwortete sie nicht mehr auf meine SMS. Aber mir eingestehen, dass sie gestorben war, konnte ich auch nicht. Und mich vergewissern? Auf keinen Fall… das wäre mir damals viel zu nah gegangen. Ich hatte immerhin schon so an ihrem Bett mit den Tränen zu kämpfen, obwohl sie sogar lachen konnte. Mir wäre danach nicht zumute gewesen. Aber es wird ihr wohl geholfen haben.

Eine andere Dame kämpfte mit aller Leidenschaft, doch die Ärzte verzweifelten, weil sie nicht die richtige Chemotherapie für den Tumor fanden, der die Frau langsam aber sicher Richtung Lebensende drängte. Sie gab nicht auf… hat sie es geschafft? Lebt sie noch? Oder ist sie letztendlich doch kämpfend von uns gegangen? Eines weiß ich sicher: Aufgegeben hat sie nicht.

Und was ist mit dem Mann, der damals seinen rechten Lungenflügel verlor, aber sein Leben vorübergehend gewann? Weilt er noch unter uns? Kann ich ihm noch begegnen, wenn ich durch die Duisburger Innenstadt laufe? Oder war es für ihn auch nur ein kurzer Sieg für einen teuren Preis?

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht wirklich mal nachforschen sollte. Aber dann frage ich mich ebenso, ob es überhaupt gut ist auf diese Fragen die Antworten zu erhalten. Diese Menschen haben mir viel bedeutet, sie haben mir viel gegeben. Sie waren der Halt in Momenten, wo ich keine Besucher vor Ort hatte, wo ich niemanden am anderen Ende der Telefonleitung um Hilfe bitten konnte. Sie haben gegeben ohne zu nehmen. Sie waren stark, mutig und hilfsbereit… sie hatten mit sich selbst zu kämpfen, aber waren dennoch herzliche Menschen. Was wurde aus ihnen? Wo gingen sie hin?

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Bild © Havlena / PIXELIO

Diskussion/Anmerkungen: 2 Kommentare

  1. Nici
    schrieb am 11. Mai 2010 um 18:15

    Ich muss sagen, dass mich dein Beitrag doch sehr nachdenklich gemacht hat. Viel zu schnell, kann alles vorbei sein und das was wir jetzt für wichtig halten, kann von jetzt auf gleich komplett in den Hintergrund rücken.

    Ich versuche mich daran auch immer zu erinnern, wenn mal wieder eine wichtige Klausur oder Prüfungsleistung ansteht. Es ist zwar eigentlich wichtig, sich Ziele zu stecken und ehrgeizig zu sein, aber die Welt wird auch nicht untergehen, wenn man es nicht schafft. Im Grunde genommen, sollte man einfach nur dankbar sein, dass man gesund ist und sein Leben leben kann… wie auch immer es aussehen mag. Am Ende zählt nämlich weder Erfolg noch Geld, sondern das was man aus seinem Leben gemacht hat und wie glücklich man war.

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  2. Lordy
    schrieb am 15. Mai 2010 um 15:48

    @Nici: Genau das habe ich auch gemerkt… damals… mittlerweile ist dieses Denken sogar manchmal wieder etwas dahin… aber dann erinnere ich mich einfach wieder an die Vergangenheit zurück… und dann wird mir auch wieder klar, dass manche Dinge einfach nicht so einen hohen Stellenwert besitzen. Das hilft auch ungemein… und besser hätte ich deinen letzten Absatz auch nicht formulieren können =).

    AntwortenAntworten

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