
Reisen wir doch mal für einen kurzen Moment ca. 100 Jahre in die Vergangenheit. Das 20. Jahrhundert hat gerade begonnen und die Industrialisierung hat weite Teile Europas erfasst. Die Menschen wohnen nun überwiegend in den Städten, weil sie in den dortigen Fabriken Arbeit finden. Bald wird der Erste Weltkrieg ausbrechen und das Deutsche Reich wird diesen verlieren. Durch den Versailler Vertrag wird die neu entstandene Republik von Weimar schwer belastet. Dolchstoßlegende, Wirtschaftskrise, Verfassungsfehler und einige andere Faktoren werden dafür sorgen, dass Adolf Hitler und die von ihm geführte NSDAP 1933 die Macht übernimmt. Wenige Jahre später wird er der Welt einen Krieg, der die schrecklichsten Alpträume bei weitem übersteigen wird, aufzwingen.
Das erste Drittel des 20. Jahrhunderts ist wahrlich eine spannende Zeit. Ein Kaiserreich wird zu einer Republik. Kriege überziehen Europa. Die alte Ordnung bricht zusammen. Es kommt zu einer Verstädterung. Die Menschen leben nun nicht mehr in einem kleinen Dorf und kennen einander. Sie sind viel mehr ein kleiner Teil einer großen, anonymen Masse. Mit dem, was sie in den Fabriken produzieren, können sie sich aufgrund der eingeführten Arbeitsteilung nicht mehr identifizieren. Das Weltbild verändert sich – grundlegend.
In diese Zeit fällt eine ganz besondere Strömung – die Jugendbewegung. Das Ziel: Raus aus der Stadt, hinein in die Natur und dadurch dem nun alltäglich gewordenem Leben entfliehen. Wie? Durch Wanderungen und Fahrten während des Wochenendes oder in den Ferien – in kleinen Gruppen die Natur hautnah erleben und somit ein neues Lebensgefühl entwickeln. Und was gehört bei Wanderungen oder Fahrten zu dieser Zeit dazu? Ganz klar: Musik.
Die Möglichkeiten von heute blieben den Jugendlichen von damals verwehrt. Es gab keine Ghettoblaster, keine iPods oder überfüllte Regale mit Musik-CDs bei Saturn. Und selbst wenn es sie gegeben hätte, dann hätten die Jugendlichen dieser Zeit gerne darauf verzichtet.
Sie sind gemeinsam los gezogen, haben gemeinsam die Tage verbracht und dabei gemeinsam gesungen. Kirchenlieder, Volkslieder, Soldatenlieder – immer mit passendem Text für jeden Anlass. Als Hilfe dienten ihnen Liederbücher wie “Der Zupfgeigenhansl”, “Der Spielmann” oder “Tandaradei”, die in dieser Zeit schwindelerregende Auflagen erzielten. “Der Zupfgeigenhansl” wurde über eine Million mal verkauft – ein Bestseller.
Warum schreibe ich das? Die Frage lässt sich sehr leicht beantworten. Für ein Seminar des letzten Semesters fertige ich aktuell eine Hausarbeit (Umfang: 20 Seiten) an. Das Thema: Die Lieder der (katholischen) Jugendbewegung. Im Rahmen dieser Arbeit habe ich mir die drei genannten Liederbücher gekauft. Ich bin froh gut erhaltene Exemplare erstanden zu haben mit denen man arbeiten kann – ist gar nicht so leicht Bücher zu finden, die über 100 Jahre alt sind, aber Amazon macht es zum Glück möglich. Denn wenn ich ehrlich bin, dann ist es doch weit schöner mit Quellen zu arbeiten als mit Sekundärliteratur, die einem schon alles mehr oder weniger wichtige vorkaut.
Das Durchblättern der Liederbücher macht auch richtig Spaß, weil dort eine Menge an interessanten Liedern enthalten ist. Kirchgänger werden noch heute so manches Lied kennen, das damals auf Wanderungen der Jugendbewegung gesungen wurde. Aber der größte Teil der Lieder stammt aus dem Bereich der Volkslieder. Sollte ein gesteigertes Interesse bestehen, dann kann ich gerne nach der Korrektur der Hausarbeit mal das eine oder andere Lied hier präsentieren.
Aber wie dem auch sei… allein das Hineindenken in die Jugend dieser Zeit empfinde ich als lehrreich. Ist der Gedanke an Flucht vor dem Chaos und der Anonymität in die Natur doch vielleicht gar nicht so weit weg, wie wir momentan denken.


schrieb am 14. November 2010
hey, interessant… über ein ähnliches Thema habe ich vor einiger Zeit ne Hausarbeit geschrieben “Vom Wandervogel zur Hitlerjugend”, um es grob zu beschreiben. Hat echt Spaß gemacht und das Ergebnis war auch ganz gut :)