Rückkehr in eine fremde Heimat – Kriegsheimkehrer nach 1945
In den letzten Tagen habe ich viel über das Schicksal derer nachgedacht, die nach 1945 als Kriegsheimkehrer zurück in ihre Heimat kamen – eine Heimat, die ihnen wohl sehr fremd gewesen sein muss, da sie nicht mehr so war, wie sie sie verlassen hatten. Hier eine von vielen möglichen Geschichten:
Ein 18-jähriger Mann bekommt Mitte 1942 die Nachricht, dass er in wenigen Wochen an die Ostfront versetzt wird. Seine Freundin, mit der er schon über ein Jahr glücklich ist, ist schwanger – im vierten Monat. Sie entschließen sich zu heiraten – so schnell es geht. Er will leben, denn wer weiß, was der Kampf gegen die Rote Armee bringen wird. Angst herrscht vor, obwohl die Wehrmacht für ihn nach wie vor als unbesiegbar gilt. Im Dritten Reich werden die Soldaten zu Helden ernannt. Man ist etwas besonderes.
Im Anschluss an die Hochzeit beginnt sein Einsatz an der Front – einen Monat vor der Geburt seiner Tochter, seines ersten Kindes. Während erbitterte Kämpfe toben, sind die Gedanken an seine Familie der einzige Halt. Nach der Schlacht von Stalingrad läuft es für die Wehrmacht nicht mehr sonderlich gut. Der Mythos der Unbesiegbarkeit bröckelt – auch in seinem Kopf.
Etwas über ein Jahr nach dem Beginn seines Fronteinsatzes gerät er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Immerhin ist er nicht tot. Damit ist er dem Schicksal, das drei seiner besten Freunde ereilt ist, entkommen – vorübergehend. Das Leben als Kriegsgefangener ist kein Zuckerschlecken. Und die Chance auf eine Heimkehr ist nicht vorhanden. Wiederaufbau der zerstörten Gebiete soll durch die Gefangenen geleistet werden. Die Bevölkerung leidet unter einer schlechten Versorgungslage. Für die hart arbeitenden Gefangenen bleiben nur Notrationen. Die einst so stolzen Soldaten zerbrechen in den folgenden Monaten – körperlich ebenso wie seelisch. Der Wunsch nach einer vernünftigen Mahlzeit verdrängt alle anderen Gedanken aus den Köpfen der Männer.
Erst Mitte der 50er Jahre endet dieses Leben und macht Platz für ein Neues – in der Heimat. Mit den Entlassungspapieren in der Hand geht es in die Deutsche Demokratische Republik. Nach der Erstversorgung wird er wieder in den Ort – in der Bundesrepublik Deutschland – gebracht, den er vor rund 12 Jahren verlassen hatte. Auf der Fahrt dorthin wird die Zerstörung sichtbar, die der Krieg über Deutschland gebracht hatte. Vieles sieht anders aus und wurde schon wieder aufgebaut, aber es sind auch noch Trümmer sichtbar.
An der eigenen Haustür angekommen, betätigt er die Türklingel. Ein fremdes Pärchen macht auf und sagt, dass seine Frau samt Kind nicht mehr hier wohnt. Sie sei zu ihren Eltern gezogen. Auf diese Nachricht folgt noch die Nächste, denn das Pärchen hat noch mehr zu berichten. Es teilt ihm mit, dass seine Eltern, die im Haus nebenan gewohnt hatten, bei einem Bombenangriff auf die örtliche Kirche gestorben seien. Der erste Verlust und ein schwerer Schlag. Der einzige Trost: Frau und Kind leben wohl noch.
Also geht die Heimkehr weiter. Nach einiger Suche wird er fündig. Wenige Minuten später kann er seine Frau umarmen. Sie hatte nicht mehr an seine Rückkehr geglaubt, aber immer darauf gehofft. Damit hat er Glück, denn sie hätte sich auch für einen Neuanfang ohne ihn entscheiden können, denn sie wusste ja nicht, dass er noch lebte.
Nun fällt der Blick auf seine Tochter. Sie ist groß geworden. Er hat ihre gesamte Kindheit verpasst. Die Tochter schaut skeptisch, ängstlich, verwirrt. Sie kennt ihren Papa nur von Fotos. Und da sah er noch ganz anders aus. Es wird schwer sein – für beide. Aber immerhin ist er nicht allein. Und auf ihn wurde gewartet.
Auf dem Arbeitsmarkt sieht es schlecht für ihn aus. Er muss sich als Hilfsarbeiter durchschlagen. Aufarbeitung der Geschehnisse vollzieht sich nicht öffentlich. Reden kann er darüber mit niemandem. Anpassen muss er sich auch – an ein neues politisches System, an das neue Rollenverhältnis zwischen Mann und Frau.
Die Welt hat sich weitergedreht. Es ist vieles passiert. Und niemand kann nach so einer Zeit da weitermachen, wo er vorher aufgehört hat. Dies ist einfach unmöglich. Er wird Jahre brauchen bis er den Ort, den er nun bewohnt, wieder als Heimat ansehen kann… wenn ihm das überhaupt jemals gelingt.
Dies ist wohl ein Schicksal unter vielen anderen. Sich so etwas vor Augen zu führen, ist schon irgendwie komisch – vor allem aus heutigen Sicht. Vor einigen Semestern habe ich ein Seminar über Flüchtlinge und Kriegsheimkehrer belegt. Es war wahnsinnig interessant. Und es zeigte auf, dass die Thematik durchaus problematisch ist. Ich möchte mit diesem Beispiel vermitteln, dass der Krieg eine schreckliche Sache ist, die das Leben aller kein bisschen besser macht – im Gegenteil: Der Krieg sorgt dafür, dass jedes Leben schlechter wird.
Oft wird das Schicksal der Kriegsheimkehrer in eine Konkurrenz zu dem Leiden der Opfern des Holocaust gestellt. Von einem solchen Verhalten möchte ich mich ausdrücklich distanzieren. Man kann das geschehene Leid nicht miteinander vergleichen. Und man sollte es auch auf keinen Fall tun, denn es wäre schlichtweg falsch…
In den letzten Tagen habe ich viel über das Schicksal derer nachgedacht, die nach 1945 als Kriegsheimkehrer zurück in ihre Heimat kamen – eine Heimat, die ihnen wohl sehr fremd gewesen sein muss, da sie nicht mehr so war, wie sie sie verlassen hatten. Hier eine von vielen möglichen Geschichten:
Ein 18-jähriger Mann bekommt Mitte 1942 die Nachricht, dass er in wenigen Wochen an die Ostfront versetzt wird. Seine Freundin, mit der er schon über ein Jahr glücklich ist, ist schwanger – im vierten Monat. Sie entschließen sich zu heiraten – so schnell es geht. Er will leben, denn wer weiß, was der Kampf gegen die Rote Armee bringen wird. Angst herrscht vor, obwohl die Wehrmacht für ihn nach wie vor als unbesiegbar gilt. Im Dritten Reich werden die Soldaten zu Helden ernannt. Man ist etwas besonderes.
Im Anschluss an die Hochzeit beginnt sein Einsatz an der Front – einen Monat vor der Geburt seiner Tochter, seines ersten Kindes. Während erbitterte Kämpfe toben, sind die Gedanken an seine Familie der einzige Halt. Nach der Schlacht von Stalingrad läuft es für die Wehrmacht nicht mehr sonderlich gut. Der Mythos der Unbesiegbarkeit bröckelt – auch in seinem Kopf.
Etwas über ein Jahr nach dem Beginn seines Fronteinsatzes gerät er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Immerhin ist er nicht tot. Damit ist er dem Schicksal, das drei seiner besten Freunde ereilt ist, entkommen – vorübergehend. Das Leben als Kriegsgefangener ist kein Zuckerschlecken. Und die Chance auf eine Heimkehr ist nicht vorhanden. Wiederaufbau der zerstörten Gebiete soll durch die Gefangenen geleistet werden. Die Bevölkerung leidet unter einer schlechten Versorgungslage. Für die hart arbeitenden Gefangenen bleiben nur Notrationen. Die einst so stolzen Soldaten zerbrechen in den folgenden Monaten – körperlich ebenso wie seelisch. Der Wunsch nach einer vernünftigen Mahlzeit verdrängt alle anderen Gedanken aus den Köpfen der Männer.
Erst Mitte der 50er Jahre endet dieses Leben und macht Platz für ein Neues – in der Heimat. Mit den Entlassungspapieren in der Hand geht es in die Deutsche Demokratische Republik. Nach der Erstversorgung wird er wieder in den Ort – in der Bundesrepublik Deutschland – gebracht, den er vor rund 12 Jahren verlassen hatte. Auf der Fahrt dorthin wird die Zerstörung sichtbar, die der Krieg über Deutschland gebracht hatte. Vieles sieht anders aus und wurde schon wieder aufgebaut, aber es sind auch noch Trümmer sichtbar.
An der eigenen Haustür angekommen, betätigt er die Türklingel. Ein fremdes Pärchen macht auf und sagt, dass seine Frau samt Kind nicht mehr hier wohnt. Sie sei zu ihren Eltern gezogen. Auf diese Nachricht folgt noch die Nächste, denn das Pärchen hat noch mehr zu berichten. Es teilt ihm mit, dass seine Eltern, die im Haus nebenan gewohnt hatten, bei einem Bombenangriff auf die örtliche Kirche gestorben seien. Der erste Verlust und ein schwerer Schlag. Der einzige Trost: Frau und Kind leben wohl noch.
Also geht die Heimkehr weiter. Nach einiger Suche wird er fündig. Wenige Minuten später kann er seine Frau umarmen. Sie hatte nicht mehr an seine Rückkehr geglaubt, aber immer darauf gehofft. Damit hat er Glück, denn sie hätte sich auch für einen Neuanfang ohne ihn entscheiden können, denn sie wusste ja nicht, dass er noch lebte.
Nun fällt der Blick auf seine Tochter. Sie ist groß geworden. Er hat ihre gesamte Kindheit verpasst. Die Tochter schaut skeptisch, ängstlich, verwirrt. Sie kennt ihren Papa nur von Fotos. Und da sah er noch ganz anders aus. Es wird schwer sein – für beide. Aber immerhin ist er nicht allein. Und auf ihn wurde gewartet.
Auf dem Arbeitsmarkt sieht es schlecht für ihn aus. Er muss sich als Hilfsarbeiter durchschlagen. Aufarbeitung der Geschehnisse vollzieht sich nicht öffentlich. Reden kann er darüber mit niemandem. Anpassen muss er sich auch – an ein neues politisches System, an das neue Rollenverhältnis zwischen Mann und Frau.
Die Welt hat sich weitergedreht. Es ist vieles passiert. Und niemand kann nach so einer Zeit da weitermachen, wo er vorher aufgehört hat. Dies ist einfach unmöglich. Er wird Jahre brauchen bis er den Ort, den er nun bewohnt, wieder als Heimat ansehen kann… wenn ihm das überhaupt jemals gelingt.
Dies ist wohl ein Schicksal unter vielen anderen. Sich so etwas vor Augen zu führen, ist schon irgendwie komisch – vor allem aus heutigen Sicht. Vor einigen Semestern habe ich ein Seminar über Flüchtlinge und Kriegsheimkehrer belegt. Es war wahnsinnig interessant. Und es zeigte auf, dass die Thematik durchaus problematisch ist. Ich möchte mit diesem Beispiel vermitteln, dass der Krieg eine schreckliche Sache ist, die das Leben aller kein bisschen besser macht – im Gegenteil: Der Krieg sorgt dafür, dass jedes Leben schlechter wird.
Oft wird das Schicksal der Kriegsheimkehrer in eine Konkurrenz zu dem Leiden der Opfern des Holocaust gestellt. Von einem solchen Verhalten möchte ich mich ausdrücklich distanzieren. Man kann das geschehene Leid nicht miteinander vergleichen. Und man sollte es auch auf keinen Fall tun, denn es wäre schlichtweg falsch…


















